Die Dritte in Tunesien - 1996
(von Lothar Festerling)

Zehn Damen und Herren haben sich eine Woche Urlaub in Tunesien gegönnt.
Die allerbesten Beziehungen durch Rolf Isenmann zu seinem algerischen Freund und Geschäftsmann Babe waren ausschlaggebend, daß wir eine Flugreise ins Land der Datteln und Kamele buchten. Den Rest besorgte uns Babe vor Ort: ein 5-Sterne-Hotel mitten in der Wüste sollte Garant dafür sein, daß wir für ein Paar Tage Entspannung und Erholung fanden.
Mit der Tunis-Air ließen wir das kalte Deutschland hinter uns und landeten spät am Abend auf dem Flughafen der Insel Djerba. Dort mußten wir aber gleich unsere Time-is-Money-Mentalität ablegen, denn die zwei Jeeps, die uns weiterbringen sollten, waren nicht da.
Nach dem Motto "was sind schon zwei bis drei Stunden" kamen sie erst um 2.00 Uhr nachts um uns abzuholen. 350 Kilometer durch die Wüste lagen noch vor uns. Abgekämpft und müde kamen wir im Wüstenort Kebili an und fielen alsbald in die Betten...
Nach fünf oder sechs Stunden Schlaf wurden wir von herrlich blauem Himmel und tropischen Temperaturen geweckt. Der Urlaub konnte nun beginnen.
Eine Woche lang drehte sich alles um Land, Leute, Kultur - und einer nicht für möglich gehaltenen Schwangerschaft. Ruck Zuck waren Telefon, Fax und sämtliche wichtigen Termine vergessen. Entspannung pur war angesagt. Alle Pfunde, die wir auf der etwas strapaziösen Fahrt verloren hatten, wurden auf’s Gramm wieder angelegt, denn die Hotelküche fuhr alles an, was das Herz begehrte.
Der ganze Aufenthalt wurde von Babe nach unseren Wünschen gestaltet. Jeder der wolle, konnte sich an den Touren beteiligen. Wer nicht wollte, genoß die herrliche Hotelanlage mit Pool, Bar und arabischem Hamam (Dampfbad). Oder unternahm auf eigene Faust was er wollte. Noch unvergessener als die Stunden, die wir mit Oasenbesichtigung, Wüstenritt auf dem Kamel, der Suche nach Sandrosen, Museumsbesuche und Einkäufe im Basar erlebten, waren die Kontakte zu tunesischen Familien, die mit Babe befreundet waren.
Hier wurde demonstriert, was echte Freundschaft bedeutete. Überall wurden wir auf das herzlichste willkommen geheißen. Es wurde uns geboten, was diese Leute nur geben konnten: ehrliche Freundschaft. Nach dem abendlichen Cous-Cous und Fladenbrot (auf dem Teppich eingenommen) wurde getanzt, gesungen und viel gelacht. Bis auf einen Jungen, der ein Paar Brocken Englisch konnte, waren wir auf die Dolmetscherqualitäten Babes angewiesen, denn unser Schul-Arabisch war leider nicht mehr das Beste. Nach und nach kamen fast sämtliche Dorfbewohner in den Hof, wo wir die tunesischen Sitten bestaunten, und umgekehrt wurden wir von allen beobachtet. Ein Gang auf das stille Örtchen wurde für unsere Mädels zum unverhofften Abenteuer.
Spät in der Nacht ließen wir zum Abschied noch das Badnerlied erklingen.

Die Tunesier standen alle voller Ehrfurcht da und dachten dies sei unsere Nationalhymne. Mit viel Winken und der ein und anderen Träne ließen wir neue Freunde zurück, die wir mit Sicherheit wieder einmal wiedersehen werden.
Den allergrößten Eindruck aber hinterließ der von Babe angeschaffte Dattelwein bzw. Saft, der früh morgens von der Dattelpalme abgezapft wurde. Ich weiß zwar nicht wie dieser Zustand in Tunesien genannt wird, aber Montezumas Rache war nichts dagegen, was wir dann am eigenen Leib erlebt hatten.
Schon in der darauffolgenden Nacht standen alle verfügbaren Toiletten im Hotel unter Beschlag, wo das Klopapier entwendet wurde. Sieben wackere Kameraden und Kameradinnen machten sich früh am Morgen noch auf den Weg, denn ein vierstündiger Kamelritt stand bevor. Nur mußte noch eine zweieinhalbstündige Jeepfahrt über Schotter und Sand zurückgelegt werden. Bei der Ankunft im Karawanserai mußten die nächsten Ausfälle hingenommen werden. Was sich dort genau abspielte läßt sich hier aus humanitären Gründen nicht wiedergeben.
Für die Betroffenen war es furchtbar. Wer noch einigermassen gerade laufen konnte, begab sich auf die Rücken der Kamele und ertrug geduldig die Wüstenschaukelei. An dieser Stelle sei noch ein kleines Geheimnis verraten: ein Kamerad mußte aus gegebenem Anlaß seine Unterhose und seine Socken im Wüstensand vergraben, denn wie gesagt, schreckliche Szenen spielten sich ab. Aus Turbanstoff wurde kunstvoll eine neue Unterhose gebastelt. Der Vergleich mit einer Windel lag nahe.
Doch wie alles auf Erden hatte auch dieser Tag ein Ende - für einige Gott sei Dank - und abends im Hotel hatten die Badezimmer Hochbetrieb. Pausenlos rauschte die Spülung. Viele Kleidungsstücke wurden ausgewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Tiefste Urlaute aus den Toilettenfenstern ließen erahnen, welche Dramen sich dort abspielten. Der eine oder andere hatte ein tolles Souvenir aus Tunesien mit nach Hause gebracht. Es dauerte lange, bis sich unser Magen-Darmtrakt auf Normalität umgestellt hatte.
Leider vergingen die Tage wie im Flug und die Heimreise stand bevor. Es galt die Koffer zu packen, was angesichts der vielen Kilo an Sandrosen gar nicht so einfach war. Ein wunderschöner Heimflug im neuen Airbus konnte leider eines nicht verhindern: ein naßkaltes Deutschland und viel Arbeit hatten uns wieder.
Die vielen schönen Erlebnisse, die enormen Eindrücke und Erinnerungen der und fremden Kulturen waren und sind Gegenstand unserer vielen Treffen. Doch eines ist gewiß: solch ein Unternehmen werden wir wieder starten, dann allerdings ohne Dattelsaft.



Die ESV-Delegation bei einem ihrer Ausflüge. Hier in einer Oase
Von links: Ali Ben Festerling, Ibn Hoeschen, Mohammed Woellner, Mehdi Ben Ehler

 
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