Mein erster Siebenmeter
(von Thilo Zander)

Es ist nun schon einige Jährchen her, aber trotzdem kann ich mich daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre.
Eine Spielsituation, wie sie hunderte von Male in einer Saison vorkommt. Zunächst ein rüdes Foul, dann ein langsamer und schriller Pfiff: Siebenmeter! Wie immer marschiert unser bester Mann mit stoischer Ruhe zum ominösen Strich, den es in jeder Halle sieben Meter vor dem Tor gibt. Doch heute ist es anders.
Jemand anders soll schießen. Unser Trainer, was zum Kuckuck geht in ihm vor, deutet mit seinen langen spitzen Fingern auf mich!!!
Verzweifelt blicke ich noch schnell um mich. Niemand aber weit und breit in Sicht. Kein Zweifel, der meint mich!!! Meine Adrenalinwerte schnellen in ungeahndete Höhen und auf meiner Stirn bilden sich die ersten Tropfen Angstschweiß. Mein Körper zittert.
Wie oft habe ich zugeschaut, wie unsere "Experten" scheinbar problemlos die Siebenmeter rein bekamen.
Aber gerade ich, der erst seit zwei Monaten Handball spielt und darüber hinaus noch kein einziges Tor geschossen hat, soll jetzt den Siebenmeter schießen. Mein Blick traut sich ins Gesicht des mir gegen¨berstehenden Tormanns. Seine Raubtieraugen funkeln im hellen Licht der Hallenscheinwerfer. Er scheint zu merken, daß ich etwas unsicher bin. Plötzlich weckt mich der Pfiff des Schiedsrichters.
Meine Knie schlottern, ich kneife die Augen zusammen und werfe den Ball dorthin, wo ich das Tor in Erinnerung hatte. Auf einmal ein Riesengeschrei! Tausende von Hände klopfen auf meine schwachen Schultern. Als ich die Augen wieder öffne, liegt der Ball im Netz und der Tormann am Boden. Wie die Kugel dorthin kam, weiß ich schlichtweg nicht.
Das Schicksal hat es wieder einmal gut mit mir gemeint. Schließlich haben wir durch mein Tor nur mit 11:29 verloren.

 
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