Der Handballballe
(von Gottfried Dittrich)

Gestatten, Erwin. Von Geburt an Rindvieh! Genauer gesagt, ich bin ein Zuchtbulle aus dem Fränkischen und möchte Euch meine Lebensgeschichte, bestehend aus zwei Teilen, erzählen.
Doch gleich eins vorne weg. Mit meinem weitläufigen Verwandten, dem Rind "Erwahn" aus England, habe ich nichts zu tun. Meine Heimat, das sind die saftigen Weiden und Wiesen in der Nähe der Ortschaft mit den drei Streifen: Herzogenaurach im schönen Frankenland. Sie merken schon, wie durch diesen Zufall mein Schicksal in die Dienste des Sports gelenkt wurde. Doch bevor es soweit kam, erfüllte ich zur Zufriedenheit aller unmittelbar Beteiligten meine Aufgabe als Zuchtbulle.
In meinem recht kurzen Leben sorgte ich dafür, daß Dank meiner oft kopiert aber nie erreichten "Bullenkraft" acht Kühe befruchtet und fünfzehn Kälber das Licht der Tierwelt erblickten. Außerdem galt ich weit und breit als äußerst sprunggewaltiger Bulle und war aufgrund dessen sehr gefragt. Ich besaß also eine Eigenschaft, um die mich sehr viele Handballer beneideten. Was meine Sprungkraft anging, wohlbemerkt.
Eines tristen Herbstmorgens, meine Stimmung hatte sich nahtlos dem Wetter angepaßt, brach meine letzte Stunde an. Ich hatte ein Paar Tage vorher noch im Kreise meiner Lieben meinen sechsten Geburtstag gefeiert, als der Tiertransporter der Städtischen Schlachthöfe vorfuhr. Obwohl man mir einen schönen Fernsterplatz zuteilte, wollte in mir keine rechte Freude aufkommen. Auf dem Weg zu meiner letzten Lebensetappe sinnierte ich deshalb über mein doch erfülltes Leben als Zuchtbulle.
Sie werden es nicht glauben für welche vielfältigen Zwecke all meine Körperteile und vor allem meine innere Organe bestimmt waren. Ich bin mir sicher, daß ich nach meinem ach so raschen Ableben vielen Menschen mit meinen Einzelteilen sehr viel Freude bereitet habe. Ganz besonders den Feinschmeckern mit ihren prallen Geldbeuteln, die ihre Lebensaufgabe darin sahen mich und meine Artgenossen zu verspeisen.
Anzubieten hatte ich: Steaks vom Feinsten vom Rostbeef, Filet oder Keule. Braten von der hohen Rippe, von Bug und Hals. Aus meiner Kopfhaut wurde Ochsenmaulsalat angefertigt, mein Schwanz wurde für gute Zwecke umgearbeitet. Die leckere Blutwurst enstand mit meinem gesunden Stierblut. An meiner Blase erfreuten sich unzählige Narren und Jecken, die das getrocknete Ding unschuldigen Menschen auf deren Köpfe hauten. Sogar meine Hörner verwendete der Bauer in ausgekochtem Zustand als Wetzstein. Und zu guter letzt meine Haut. Darauf möchte ich nun näher eingehen, denn hier beginnt sozusagen meine zweite Lebensgeschichte.
Kaum wurde meine Körperhülle abgezogen, war sie bereits in Richtung Gerberei unterwegs. Sechs Quadratmeter bester Haut konnte ich den Herrschaften anbieten. Dort angekommen mußte ich mir einer komplizierten Prozedur unterziehen, damit aus meiner Bullenhaut auch hochwertiges Kernleder entstehen konnte. Sie wurde in Fässer gesteckt. Danach enthaart, gegerbt, gestreckt und schließlich getrocknet.
Ich wurde dann auf Weltreise in eine Ballfabrik nach Pakistan verschickt. Dort angekommen und immer noch unter dem Eindruck des Jet-Lags wurde ich zugeschnitten. Ich wurde zu einem Schichtverbund laminiert, in unendlich viele fünf- und sechseckige Teile gestanzt. Ein schnauzbärtiger Mann, dessen Sprache ich nicht verstand, nähte schließlich mit gechickter Hand und einer dicken Nadel bewaffnet 19 große Sechsecke und 12 kleine Fünfecke zusammen. Zur Feier des Tages wurde der Ball mit einem großen Sechseck nebst Blase und Ventil endgültig geschlossen. Es folgte noch eine strenge Qualitätskontrolle, denn schließlich sollte aus mir ein Top-Handballballe entstehen.
Ich wog nun 450 Gramm, hatte einen Umfang von 59 Zentimetern und roch nach feinem Leder. Ich erhielt die Bezeichnung "Top-Erwin". So erschaffen trat ich die Reise zurück nach good old Germany an.
Ich verschwand in einem "Zentrallager" im Norden der Republik, wo hunderte meiner Kollegen darauf warteten, daß sie diesen düsteren Ort wieder verlassen durften. Es dauerte nur wenige Tage, als auch ich die Entlassungspapiere erhielt. Ich wurde noch in eine Plastikhülle, so eine Art Ganzkörperkondom, gesteckt, bevor ich die Reise in wärmere Gefilde antreten durfte. Ich kam in ein Sport-Shop und erhielt gleich ein Ehrenplatz im Schaufenster. Ich war ja auch ein edler Handballballe.
Viele neugierige Menschen schauten mich an, drehten aber gleich wieder ab. Ich hatte den Eindruck, daß all diese Leute, die mich so ehrfürchig betrachteten, nicht sehr solvent waren. Eines schönen Tages blieb ein untersetzter junger Mann, mit hoher Stirn, vor mir stehen. Er musterte mich lange von oben bis unten und von links nach rechts. Dann grinste er mich an. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß sein Blick etwas verklärt war.
Wenig später fand ich mich auf dem Kassentisch wieder. Mein Käufer legte zwei große blaue Scheine hin, und ehe ich mich versah, verschwand ich im Kofferraum seines noblen PKWs. Kennzeichen OG-ME 76. Mehr weiß ich auch nicht mehr, denn es wurde um mich herum stockdunkel.
Ich nahm mein Umfeld erst wieder wahr als mich mein Herr und Käufer in einem großen hellen Raum auspackte. Er präsentierte mich einer Menge junger Leute mit leuchtenden Augen. "Mensch, endlich mol ä geiler Handballballe!", "Top-Erwin, echt cool", "Den müsse 'mer erscht mol zur Einweihung ordentlich einharze!", hörte ich und spürte gleich so ein klebriges und ekliges Gefühl auf meiner Haut.
"Des muss unser Spielballe werre", sagte einer, der was zu sagen hatte. Und tatsächlich kam ich im Spiel der Weißen aus der Drogerie gegen die Roten aus der Brauerei erstmals offiziell zum Einsatz. Ich kann euch sagen, daß ich an jenem Tag einiges durchmachen mußte.
Eingeharzt wurde ich am ganzen Leib! Darunter mußte ich am meisten leiden. Nur weil der Willi, der Matthias und der Tobias mich nicht recht in den Griff bekamen. Eben weil sie so kleine Hände hatten. Und immer wenn mich der Hans in seiner warmen Hand hielt, bekam ich Herzklopfen. Der mußte immer seine Finger auf mein Ventil haben.
Ich sagte mir aber: "Bleib standhaft, da muß du durch". Als mich der kleine schnelle Günter in den Händen hielt und dann wegwarf, wurde es mir ganz schwindlig. Ganz schlecht wurde mir allerdings, als mich der Morton gegen den Pfosten knallte. Mit 110 Sachen. Ich sah nur noch sehr viele Sterne. Als ich in die Hände vom Zerbe und vom Ralph kam, wurde ich ganz feucht. Das kam von ihren Händen, weil die beiden immer so nervös waren. Als mich einer der Roten auf das Tor von Patrik warf, klang es ganz seltsam. Ich war wohl auf seinem Plastikteil gelandet. Was über die Jahre gesehen allerdings nur noch recht selten vorkam.
Die Leute auf dem Spielplatz hatten wohl die Order bekommen mich in ein Netz zu befördern. Denn jedesmal, als ich dort ankam, wurde es recht laut in der Halle. Das Volk begann nämlich zu singen. Nach einer halben Stunde nahm mich ein Mann im schwarzen Gewand zu sich und hortete mich liebevoll auf seinem warmen Schoß. Das tat mir richtig gut. Ich muß euch aber sagen, Spielball zu sein, das ist echt ein hartes Brot. Doch als "Top-Erwin" muß man auch da durch.
So vergingen die Monate und die Jahre. Meine Haut wurde immer spröder und trockener. Ich roch nur noch unangenehm. Ich fühlte mich immer unwohler in meiner Haut immer harziger wurde. Ich stank bös nach Harz. Eines Tages bekam ich Probleme mit der Lunge. Es ging keine Luft mehr in mich hinein, so sehr sich die Leute mit der Pumpe bemühten. Nichts ging mehr. Ich hörte nur noch die letzten Worte: "Der isch jetz am Arsch". Nach sechs langen Jahren hatte ich also meine Schuldigkeit getan. Aber immerhin wurde ich genauso alt wie mein lieber Schöpfer Erwin, dessen zweites Leben ich zu verdanken hatte.
Mein Käufer mit der hohen Stirn und dem ewigen Grinsen sagte nur noch: "Den mach' ich jetzt in die schwarze Tonne, ich hab' mich beim Amt, "Fachbereich Überwachung Sondermüll erkundigt". Hiermit wurde mein Schicksal endgültig besiegelt.
Ich landete auf einer wunderschönen Mülldeponie, war jeden Tag an der frischen Luft, und hatte mit den Ratten echte Kumpels gewonnen.

 
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